Rennrad-Tour Aarau-Nizza 2009
Es war mal wieder so weit: nach der ersten Auflage im Jahr 2006 haben wir uns erneut ins Abenteuer der Alpenüberquerung gestürzt und eine – im Vergleich zu 2006 leicht modifizierte – Route von Aarau nach Nizza unter die Räder genommen. Es ist erneut sehr viel passiert unterwegs, wie ihr der folgenden Reportage entnehmen könnt. Ich wünsche euch viel Spass mit den zahlreichen Bildern und hoffe, dass ihr den Dreck im Gesicht beim Lesen auch ein wenig spürt!
Montag, 27. Juli 2009: Aarau - Andermatt, 140.7 km, 6:02:45, 23.27 km/h, 1939 hm
Um 9 Uhr ging es in Aarau bei bestem Wetter los! Nachdem wir in der Bahnhofunterführung beim Gais über Scherben gefahren waren, hatte Julian bereits in Hunzenschwil einen Platten. Der restliche Tag verlief pannenfrei. Zügig fuhren wir ins Seetal und passierten den Hallwilersee auf der Meisterschwanden-Seite. Nach Gelfingen in Richtung Hochdorf verhalf uns ein vorausfahrender Traktor mit Anhänger auf einer Strecke von ca. 10 km zu Windschatten mit 40 km/h, danke! Wir wären im Verlauf der ganzen Strecke nach Nizza oftmals froh um weitere solche Gelegenheiten gewesen...
In Hochdorf schliesslich bogen wir nach der Kirche nach links ab auf eine hügelige Strecke, die uns nach Sins führen sollte. Auf diesem Weg trafen wir zwischen Ottenhusen und Abtwil zwei Tourenfahrer an, die ebenfalls auf der Reise waren, jedoch in kleinerem Rahmen. Sie konnten kaum glauben, als wir ihnen sagten, dass unser Ziel Nizza sei. Ich auch noch nicht so recht.
Nach der Abfahrt nach Sins ging es weiter nach Hünenberg und dann dem westlichen Ufer der Zugersees entlang weiter nach Süden. Wie sich bald herausstellte, war Julian dieses Mal langsamer als der Rest der Gruppe. Ganz im Gegensatz von vor 3 Jahren! Er war schon lange nicht mehr auf dem Rad gewesen, und Marcel meinte, er habe grossen Respekt vor der ganzen Tour und wolle Energie sparen. Auf diese Weise begann es unsere Gruppe immer wieder zu zerreissen, was am Schluss in einer Odyssee endete. Als ich mit Michael in meinem Windschatten am Lauwerzersee vorbeifuhr, dachte ich bereits, möglicherweise falsch zu fahren. Doch wir kamen schliesslich alle in Brunnen an, wo wir die Mittagspause geplant hatten.
Dort unten dachten einige von uns noch, wir könnten doch gleich noch auf den Furka fahren ohne Problem. «Warte jetzt mal, bis du in Andermatt bist!», antwortete Marcel.
Weiter ging es nach der Mittagspause über die teilweise brutal hässliche Axenstrasse (sehr eng, Tunnels und viel Verkehr) nach Flüelen und Altdorf. Martin und Michael waren bereits vorne weg gedonnert, Marcel und Julian waren irgendwo hinter uns. Matthias und ich fuhren zusammen. Es ging nun nach Erstfeld und dort der Gotthard-Autobahn entlang hoch. In Amsteg begann es steiler zu werden. Wer die Autobahn kennt, wird denken, der Anstieg sei ja relativ einfach. Nur, auf die Hauptstrasse trifft das leider nicht wirklich zu. Steile Abschnitte wechseln sich ständig ab mit flacheren, und manchmal geht es sogar wieder abwärts. Dieses Schema zieht sich fast endlos hin. In Wassen schliesslich liess ich Matthias ziehen, denn ich war erschöpft. In Göschenen bremste mich der Gegenwind. Nun durfte ja noch die Schöllenenschlucht in Angriff genommen werden. Bei deren Anblick unten wurde mir fast schlecht: ein riesen düsteres Gebilde aus Gallerien und Kurven, auf denen sich der viele Verkehr wie auf einer Murmelbahn bewegte! Nun begann ich ziemlich einzubrechen. Mit 6-7 km/h fuhr ich da noch hoch, brauchte etwa 5 Pausen. Doch Marcel und sein Sohn waren noch nicht zu sehen, als ich endlich Andermatt erreichte. Dort hatte Matthias bereits ein Zweierzimmer mit mir zusammen. Endlich mal duschen!
Später kam auch Marcel an, alleine. Als wir im Restaurant ein Bier tranken, telefonierte er mit Julian. «Nun ratet mal, wo er ist», sagte er uns. Wir waren uns einig, dass er wahrscheinlich bereits im Zug nach Hause war. «Er ist in Göschenen!»
Nun wurde mir sogar richtig schlecht und ich musste mich hinlegen gehen. Wenn es mir morgen wieder so schlecht läuft, gehe ich auf den Zug, dachte ich.
Nachts konnten wir dank eines Gewitters nur mässig gut schlafen, doch das polternde Herz trug seinen Rest dazu bei! Ein Glück, dass das Gewitter bis am Abend noch gewartet hatte. Einzig Julian bekam noch eine gratis Dusche!
Dienstag, 28. Juli 2009: Andermatt - Martigny, 166.4 km, 6:37, 25.13 km/h, 1455 hm
Die Sonne schien am Morgen bereits beim Losfahren und die Strasse war nur noch leicht feucht, perfekt! Mehr Wetterglück kann man kaum haben. Bei hochalpin kühlen Temperaturen nahmen wir den Rest des Urserentals und schliesslich den Furkapass in Angriff. Ich fand ihn nicht sonderlich schwierig und kam so an zweiter Stelle hinter Martin an. Etwas überraschend war, dass der Bergspezialist Matthias ziemliche Mühe mit dem Anstieg zu haben schien. Das lag wohl an seinem schweren Gepäck, dachte ich da noch. Als ich mich schon darauf freute, das Rhonetal runter zu donnern, warnte er mich vor dem heftigen Gegenwind, der dort oftmals herrsche. Wie sich später herausstellte, sollte er recht behalten. Ich hingegen war diese Strecke noch nie gefahren und hoffte auf günstigen Wind!
Nach der Abfahrt vom Furka konnten wir in Ulrichen die warmen Kleider wieder ausziehen, oder besser: wir mussten. Es war schon sehr warm geworden. Die Sonne brannte von einem fast wolkenlosen Himmel. Und es war tatsächlich ein leichter Gegenwind aufgekommen, aber lange nicht so schlimm wie befürchtet.
Im Verlauf der weiteren Strecke, die sich als relativ hügelig herausstellte, bekam plötzlich Matthias grössere Probleme. Etwas stimmte mit seinem Rad nicht und er schien auch nicht so in Form zu sein. Wir schleppten uns nach Brig, wo er einen Velohändler aufsuchte. Etwas am Antrieb war defekt und die Reparatur dauerte länger. Wir entschlossen, ihn in Brig zurückzulassen, er konnte später mit dem Zug nach Martigny fahren.
Zu fünft fuhren wir nach dem Mittagessen weiter. Jetzt wurde der Gegenwind stärker. Telefon von Matthias, dass er nun im Zug sei und das Rad wieder ok, er selbst aber nicht mehr in Form. Er werde am Bahnhof Martigny auf uns warten.
Auf der weiteren Strecke wurde der Wind immer heftiger. Julian bekam wieder eine Krise und wollte verlangsamen. «Wir fahren mit 30!», verlangte sein Vater. Julian schlug Tempo 20 vor. «27!» war die Antwort vom Vater. So ein Vater müsste ich haben...
So fuhren wir mit etwa 27 km/h weiter, was sich als schwieriger herausstellte als es war. Vor Sion dann meinte Marcel, dass er hinten bei Julian bleiben und Martin, Michael und ich zu dritt weiterfahren sollten. Er schien vom ganzen Vorfall ein wenig genervt!
Telefon von Matthias: er fühle sich jetzt richtig schlecht und überlegte sich, den Zug nach Hause zu nehmen. Wir hofften, ihn in Martigny noch anzutreffen. Die Strecke war ja nicht mehr so lang...
Nach Sion jedoch machte der Gegenwind einem das Leben zur Hölle. Die Böen warfen einen teilweise fast vom Rad runter. Unter grosser Anstrengung brachte der vordere oftmals nur 22-24 km/h hin. Ich verspreche euch: ich fahre diese Strecke in dieser Richtung nie wieder. In eurem Interesse: Tut das bitte auch nicht, wenn nicht unbedingt nötig.
Nach dem fast endlosen Kampf gegen den Wind erreichten wir völlig entkräftet Martigny. Matthias war bereits nicht mehr dort. Kurz nach dem Einsteigen in den Zug musste er angeblich erbrechen gehen.
Wir entschieden uns in Martigny im Hotel «La Poste» zu nächtigen, auch wenn das Ziel eigentlich der Grosse St. Bernhard gewesen wäre. Marcel wollte mit seinem Sohn zuerst mit einem Taxi hoch nach Liddes, um dort zu übernachten. Doch er entschied sich dann doch dagegen. Ein vernünftiger Entscheid, auch wenn Martigny in seinen Augen vielleicht nicht ganz ideal geeignet war zum Übernachten!
In der Nacht war es heiss, obwohl das Fenster offen war. Letzteres führte zudem dazu, dass die bei der Post losfahrenden Autos uns morgens um 5 Uhr mit ihrem Dieselmotor-Geknatter weckten: Zweite Nacht nicht gut geschlafen.
Mittwoch, 29. Juli 2009: Martigny - La Thuile: 120.18 km, 6:01:47, 19.93, 2842 hm
Nachdem wir einen Kilometer gefahren waren, waren Marcel und Julian hinten bereits nicht mehr zu sehen. An Martin und Michael verlor ich wie meistens den Anschluss. So folgten alle mittlerweile noch fünf von uns alleine der breiten, stark verkehrsbelasteten Strasse. Diese führte durch einige Dörfer und begann danach etwas stärker anzusteigen, doch wirklich steil wurde es nicht. Das Wetter war wie immer sehr schön. Die Sonnencreme war bitternötig! Bis Liddes litt ich mich hoch in der Hitze, dort musste ich einen Brunnen suchen um die Wasserflaschen nachzufüllen.
Nach ca. 20 Minuten Pause fuhr ich weiter. Die Strasse wurde weiter oben nicht attraktiver. Nach einer sage und schreibe 5 Kilometer langen Gallerie (inkl. darin integrierter Tunnels) erreichte ich endlich eine Abzweigung, wo man als Radfahrer nach rechts wegfahren und dem gruseligen Beton entweichen kann. Dass der Grosse St. Bernhard ein richtig harter Pass ist und nichts für Weicheier, weiss ich spätestens seit diesem Schlussteil, der nach dieser Abzweigung kam. Es folgt einfach mehr oder weniger eine Wand, die sich über eine Distanz von 7 Kilometern erstreckt. Erholung: keine. Nicht nur einmal habe ich mir tatsächlich die Autobahn zurückgewünscht. Im endlosen Schlussanstieg mit vielen Kehren (bei 6-7 km/h) erreichte mich ein SMS von Martin, dass sie nun runterfahren und in Aosta warten würden. Als Kommunikationszentrale informierte ich noch Julian darüber. Ich bleibe dabei: Das Streckenprofil des Grossen St. Bernhard entspricht mir einfach ganz und gar nicht. Durch die lange Strecke bis zum Abzweiger macht er einen müde und oben ist er viel zu steil. Für sich allein geht er, aber mir war schnell klar, dass wir das gestern niemals hätten schaffen können. Jedenfalls ich nicht. Allein für den mistigen Pass brauchte ich sagenhafte vier Stunden. Fazit: bei der Nizza-Tour 2006 ist mir tatsächlich einiges erspart geblieben.
Die Abfahrt war dann weit angenehmer! Oben ist der Pass komplett frisch asphaltiert (Tour de France 2009 sei Dank!) – 2006 war das noch ganz anders gewesen. Und auch als die Strasse der Tunnelstrecke wieder erreicht war, fuhr es sich angenehm – besser jedenfalls als aufwärts. In einem Abschnitt war der Asphalt ausgefräst, was bei 60 km/h gar eine gratis Massage ermöglichte!
Unten in Aosta traf ich die anderen in einem Italienischen Restaurant. Sie lachten mich sogleich aus, da ich noch Armlinge trug wegen der kühlen Abfahrt. Jetzt merkte ich, wie heiss es tatsächlich war. Es war entsetzlich heiss. So heiss, dass es fast nicht auszuhalten war. Dank netter Bedienung bekamen wir noch ein Mittagessen und durften sogar noch beliebig länger sitzen bleiben draussen, obwohl das Restaurant eigentlich schon am Schliessen war. Julian und Marcel würden wohl nichts mehr kriegen. Aber wo blieben sie nur? Wir warteten vorerst mal.
Als wir erfuhren, dass Julian und Marcel offenbar noch nicht mal oben waren, entschieden wir uns, nach der nun doch etwas längeren Wartezeit wieder aufs Rad zu steigen und das Aostatal hinauf Richtung Pré-Saint-Didier in Angriff zu nehmen. Martins Bike-Computer zeigte am Schatten eine Temperatur von 37.2 Grad an, und mindestens so fühlte sich das ganze auch an. Unterwegs musste Michael wegen Schwindelanfall pausieren und an den Schatten.
Information von Marcel rund eine Stunde später: Panne bei Abfahrt vom Grossen St. Bernhard offenbar, irgendwo mit Vorderrad in ein Schlagloch gefahren und danach einen Kilometer weiter unten einen Platten vorne. Der Arme hatte nicht einmal eine Pumpe dabei. Die einzige Pumpe unserer Gruppe hatte nämlich ich. Aber er konnte sich irgendwie helfen lassen. Was jedoch sicher war: der Rückstand der beiden wurde noch grösser.
In Pré-Saint-Didier schliesslich durfte man endlich mit dem Kleinen St. Bernhard anfangen. Ja, ihr habt richtig gelesen. Der bewaldete Nordhang dort im unteren Teil des Anstiegs mit den Serpentinen spendet angenehm kühlen Schatten. Zudem hält sich die Steigung danach in engen Grenzen, wodurch ich, frisch wie Gletscherwasser, deutlich besser vorankam und tatsächlich mal als erster in La Thuile war. Wir drei entschieden uns, in dem schönen Ort zu übernachten, im Hotel «Château Blanc». In diesem Hotel trugen die Zimmer Namen, nicht Nummern. Weiterfahren lohnte sich nicht mehr, der Pass ist inkl. Abfahrt noch recht lang und dann nachtet es ein, mit bekannten Folgen (vgl. Bericht von 2006).
Marcel und sein Sohn blieben in Pré-Saint-Didier und übernachteten dort. Das bedeutete für uns, dass wir am nächsten Tag ausschlafen konnten, da die anderen beiden ja erst noch zu uns hochfahren mussten. Wir genossen die herrliche Nacht und das fürstliche Morgen-Buffet. Das «Château Blanc» war meines Wissens die teuerste Unterkunft der ganzen Tour, aber ich kann sie sehr empfehlen.
Donnerstag, 30. Juli 2009: La Thuile - Val d'Isère, 53.3 km, 2:55:36, 18.21, 1509 hm
Am späteren Vormittag sahen wir Marcel und Julian das erste Mal seit Martigny wieder! Doch kurz darauf waren sie schon wieder hinten weg: der Kleine St. Bernhard wird im zweiten Abschnitt doch wieder etwas steiler, so dass ich auch wieder Rückstand auf die beiden Zimmerkollegen erhielt. Aber ich nahm es mit der Ruhe, lieber Energie sparen als alles verheizen. Wenigstens herrschte wieder fürstliches Kaiserwetter, so macht der Anstieg wesentlich mehr Spass als bei Gewitter!
Oben warteten wir dann gemeinsam auf alle, denn Marcel musste uns den weiteren Weg zeigen. Es ging nicht runter nach Séez, sondern in einer Abzweigung nach links direkt Richtung Val d'Isère. «Ganz langsam fahren, am besten gar nicht in den Klick».
Nach der erwähnten Abzweigung wurde es steil. Richtig steil. In einer Geraden auf einmal: «Pfffffft!»
Schon wieder Marcel! Erneut ein Platten am Vorderrad, unglaublich. Im letzten Moment konnten wir Julian noch aufhalten, der schon vorausgefahren war – eine Serpentine weiter unten hörte er unsere Rufe. Marcel benötigten dessen Schlauch, weil das hochwertige Dani Schnider Vorderrad über hohe Felgen verfügte und niemand sonst einen Schlauch mit langen Ventilen dabei hatte. Die Materiallage wurde also langsam prekär.
Nach der Reparatur konnten wir die Abfahrt fortsetzen und gelangten auf die Strasse, welche von Bourg St. Maurice nach Val d'Isère führt. Bei den erneut sehr hohen Temperaturen ein beschwerlicher Anstieg. Für das Vorgeplänkel eines Passes ist das ganze doch noch ganz ordentlich steil, und man sieht lange Geraden vor sich, die in der Sonne braten und mit zahlreichen Lastwagen und Autos verziert sind. Da muss man halt durch. Die schlimmen Tunnels gegen den Schluss waren mir irgendwie sogar recht, denn dort drin war es etwas kühler.
In Val d'Isère angekommen, entschieden wir uns ein Hotel zu suchen. Für die Weiterfahrt hätte man erneut sehr viel weiter kommen müssen als bis zum Eindunkeln möglich, um es noch zu einer Unterkunft zu schaffen.
Die Hotelsuche in Val d'Isère ist im Sommer übrigens nicht ganz so einfach, wie ihr vielleicht vermutet. Es gab eigentlich nur ausgebuchte oder (in ca. 90% der Fälle) geschlossene Hotels. Etwas dazwischen fanden wir erst nach etwa 40 Minuten Suche! Aber es war ganz ok. Ich konnte auch Wireless LAN beantragen, um mit dem iPhone aufs Internet zuzugreifen.
Freitag, 31. Juli 2009: Val d'Isère - Valloire, 108.66 km, 4:45:34, 22.87, 1915 hm
Nach der relativen Erholung, die uns der vergangene Tag geboten hatte, konnten wir verhältnismässig erholt in den Col de l'Iseran fahren. Dieser Pass fährt sich sehr angenehm, die Steigung hält sich in Grenzen und Tafeln informieren jeden Kilometer über die noch bevorstehende Strecke. Nach einer ersten Serpentinengruppe in einem Hang geht es sogar kurz ganz leicht bergab, wo ich eine Geschwindigkeit von 62 km/h erreichte – neuer Geschwindigkeitsrekord in einem Passanstieg!
Die Steigung blieb gnädig, doch ich atmete wegen der grossen Meereshöhe wohl schwerer als normal. Da die Abstände von uns fünf Fahrern untereinander dank des eher einfachen Anstiegs nicht zu gross waren, konnten wir alle aufeinander warten für ein gemeinsames Foto vor dem Passschild – eine eher seltene Gelegenheit. Das Foto sieht mit dem aus dem Jahr 2006 zum Verwechseln ähnlich!
Um als Pumpenträger bei Problemen zur Stelle zu sein, entschied ich mich, auf der Abfahrt vom Iseran ganz hinten zu fahren. Zum Glück hab ich das getan. Denn auf einer Geraden zischte es vor mir schon wieder. Erneut Marcels Vorderrad. «Was ist nur mit deinen Rädern los?»
Martin und ich stoppten, Michael und Julian waren bereits weiter Richtung Bonneval-Sur-Arc gedonnert und auch per Telefon nicht erreichbar. Marcel begann sich über seine Pannenserie zu ärgern. Vor allem stand nun kein Schlauch mehr zur Verfügung, denn die Schläuche mit langen Ventilen waren uns ausgegangen. Er versuchte deshalb zuerst, den defekten Schlauch mit Tape zu flicken. Martin hatte zudem Schaum dabei, mit dem der Schlauch aufgefüllt werden konnte. Dies sollte als provisorische Reparatur genügen und wenigstens eine langsame Fahrt ins Tal ermöglichen.
Doch nach einem Kilometer blieb Marcel erneut stehen. Die Sache hielt nicht, der Schlauch verlor die Luft laufend. Er schlug dann vor, meinen Ersatzschlauch (kurzes Ventil) etwas anzupumpen und danach unter seinen Pneu zu drücken. Dies schlug fehl! Es blieb nur noch der Autostopp. Dank netter Franzosen dauerte es keine 2 Minuten, bis jemand für uns anhielt und Marcel zum nächsten Händler mitnahm – danke!
Martin und ich fuhren runter und trafen dort auf die anderen. Marcel war nach Lanslevillard gebracht worden, wo er sein Rad zur Reparatur bringen konnte. Wir fuhren hin und legten dort unsere Mittagspause ein. Die Pasta dort waren ein Hochgenuss.
Wenig später kehrte Marcel mit seinem Rad zurück – mit einem schrottigen alten Vorderrad. Es gab keine Schläuche mit langen Ventilen, so musste er ein neues Vorderrad kaufen! Das teure Dani Schnider Rad liess er sich per Post nach Hause schicken! Der hat vielleicht Nerven...
Es war erneut – wie nicht anders gewohnt – heiss und ein kräftiger Gegenwind blies uns das Brotkörbchen auf dem Tisch herum. Servietten und Tischsets flogen, wenn man nicht sehr gut aufpasste. War das mühsam!
Auf der Weiterfahrt erwies sich der Wind jedoch als weniger schlimm als erwartet. Trotzdem half er natürlich nicht viel. So fuhren wir in Formation, immer abwechselnd jemand vorne, der den Wind brach für die anderen. Als ich mal vorne fuhr, hörte ich hinter mir plötzlich einen Knall. Nur 10 km nach Lanslevillard war Marcel schon wieder der Schlauch im Vorderrad geplatzt! Nun begann er sich richtig aufzuregen. Offenbar hatte der Händler den Schlauch schlecht montiert. So verloren wir erneut Zeit, wieder musste ein neuer Schlauch her und das gewohnte Prozedere war langsam gut eingeübt. Panne Nummer 4 war nun aber endlich die letzte.
Bei heissem Wetter erreichten wir Saint-Michel-de-Maurienne, wo wir nach einem Coca-Stop den Télégraphe in Angriff nahmen. Auch dieser Pass war schön zu fahren, abends und im Wald ist es von der Temperatur her sehr angenehm. Zudem entspricht er eher meinem Profil dank der gleichmässigen Steigung. Aber er ist doch relativ steil. Ich fuhr vorne und wurde auf dem letzten Kilometer von Martin eingeholt. Ich liess mich dadurch jedoch nicht aus der Ruhe bringen und liess ihn ziehen, erholt oben ankommen war mir wichtiger.
Das Grand Hotel de Valloire et du Galibier erwies sich erneut als sehr empfehlenswerte Adresse für das Etappenziel. Nach einem fürstlichen Nachtessen konnten wir allerdings nicht ganz so gut schlafen, da unser Bett ein wenig zu klein war. Vielleicht waren auch wir zu gross, ich weiss es nicht. Aber das macht eigentlich nichts, genug erholt für den kommenden Tag waren wir trotzdem, und das Morgenbuffet war passend zum Hotel überdurchschnittlich vielfältig.
Samstag, 1. August 2009: Valloire - Vars: 117.21 km, 6:02:05, 19.42, 3021 hm
Heute stand eine härtere Etappe auf dem Programm, besonders in Anbetracht der zu fahrenden Höhenmeter. Gleich am Morgen ging es los mit dem Galibier. Dieser ist relativ steil, doch wenn man sich etwas Zeit nimmt und gemütlich fährt, kein Problem. Das Wetter war – nein, das muss ich wirklich bald nicht mehr erwähnen, oder? Eine Wolke liess sich nicht ausfindig machen! Langsam machten sich die Stellen bemerkbar, wo man mal Sonnencreme vergessen hatte einzustreichen. So holte ich mir einmal eine Clown-Nase und gerötete Schultern. Doch es hielt sich zum Glück in Grenzen, wirklichen Sonnenbrand (mit Abschälen der Haut etc.) bekam ich eigentlich keinen. Aber man merkte, wie sich die Tage begannen auf der Haut zu kumulieren. Kaum zu glauben, aber das Wetter kann tatsächlich auch mal fast zu gut sein.
Auf dem Galibier konnten wir am total verklebten Passschild ein Gruppen-Foto schiessen. Die Abfahrt danach war, besonders nach dem Col du Lautaret, von starkem Gegenwind geprägt. Pause und Mittagessen in Briançon – sorry, aber die höchste Stadt Europas ist und bleibt Davos!
Als nächstes folgte der Col d'Izoard. Martins Bike-Computer zeigte an der Sonne mal wieder Temperaturen um die 54 Grad an, noch Fragen?
Die ersten Kilometer der Izoard sind der prallen Sonne ausgesetzt, so dass man schon mal ordentlich müde wird. Den Brunnen in Cervières (kurz nach der Dorfeinfahrt nach der Brücke links abbiegen) hab ich halb leergetrunken. Danach ging es erst mal an der prallen Sonne weiter.
Erst weiter oben tauchte die Strasse endlich in den Wald ein. Hier ist der Pass sehr schön, doch er wirkte auf mich um einiges steiler als 2006. Auf den letzten Kilometern hatte ich ziemlich Mühe.
Wegen kalten Windes oben war Martin bereits weitergefahren, Michael und ich warteten noch und sahen Julian ankommen. Sein Vater folgte kurz danach. Auf der gemeinsamen Abfahrt stoppten wir in Brunissard und La Chalp (schade, dort lief es am besten!), um Martin zu suchen. Doch der war weitergefahren bis Guillestre.
Wir pausierten in dem schönen Städtchen Guillestre und kauften in mehreren Etappen eine Konditorei halb leer. Danach begannen wir den Anstieg zum Col de Vars, um irgendwo in Vars eine Gelegenheit zum Übernachten zu finden. Im unteren Bereich ist der Vars sehr schön, weiter oben wird er unspektakulär. Martin und Michael waren wie immer voraus und fanden in Sante-Marie-de-Vars ein als Unterkunft geeignetes Hotel. Es war sehr einfach, doch netterweise wurde uns zu später Stunde noch ein Abendessen serviert (nur Kartoffelgratin und Salat, aber immerhin). Etwas überraschend kam Marcel als erster dort an, Julian war am Pass eingebrochen und folgte erst etwas später. Geschlafen haben wir in dem Hotel übrigens sehr gut!
Sonntag, 2. August 2009: Vars - Nizza: 165.98 km, 6:38:07, 25.01, 2167 hm
Nach dem Aufstehen merkten wir sofort, dass etwas nicht stimmte. Der Blick nach draussen an den Himmel bestätigte das ungute Gefühl: Wolken! Das erste Mal, dass kein eitel Sonnenschein herrschte. Statt dessen donnerte es in der Ferne. Laut Information vom Hotel sollte es jedoch nicht regnen.
Wir fuhren los. Der Himmel wurde zunehmend düster. Vor Vars schliesslich begann es zu tröpfeln. Die Szenerie begann bereits ein wenig an den Anstieg zum Kleinen St. Bernhard 2006 zu erinnern, aber es donnerte zum Glück nur in der Ferne. Im Steilstück in Vars wurde der Regen etwas stärker, um kurz vor der Passhöhe vorübergehend beinahe Feuerwehrschlauch-Niveau zu erreichen. Das ist der Grund, warum ich am Vars keine Fotos schoss. Es wurde kalt. Ich entschloss mich deshalb, im Restaurant auf der Passhöhe Schutz zu suchen, wurde aber von der servierenden Frau sehr unfreundlich wieder nach draussen gewiesen – daraus folgend gleich meine Empfehlung: Auf dem Col de Vars auf keinen Fall konsumieren, sondern ohne Halt durchfahren, es ist den Stopp nicht wert.
Martin, der schon länger oben war, hatte sich bereits dick angezogen und fuhr nun los. Die Strasse war nass und es windete. Michael wartete noch. Ich sagte ihm vor meiner Abfahrt ca. 5 Minuten später noch, er solle bitte auch Julian und Marcel mitteilen, das Restaurant auf keinen Fall zu betreten. Mit einer wenig erfreulichen Abfahrt rechnend, fuhr ich nun mit Winstopper-Jacke und relativ nass weiter, eine ganz neue Erfahrung auf dieser Tour. Die kalte Nässe auf der Abfahrt währte jedoch nicht lange. Bald war die Strasse wieder trocken und es wurde etwas wärmer, so konnte man es laufen lassen. Im unteren Bereich überholte ich Martin wieder, der eher langsam fuhr. Wir planten, uns alle in einem Restaurant in Jausiers zu treffen. Dort beginnt der Anstieg zum Col de la Bonette, dem prinzipiell höchsten Pass der Tour, falls man die Zusatzschleife fährt.
Nach einer relativ kurzen Weiterfahrt kamen wir in Jausiers an. Bald stellte sich heraus, dass es zum draussen sitzen viel zu kalt wurde: wir mussten rein! Zudem begann es erneut zu regnen. Und von Minute zu Minute wurde es übler. Als wir zu fünft an einem Tisch am Mittagessen sassen, entlud sich schliesslich ein heftiges Gewitter. Und so müssen wir jetzt auf den Bonette? Im Radio lief gerade der Song «This is the Life» von Amy Macdonald, als wir uns überlegten, wie wir das schaffen sollten. Draussen schüttete es wie wahnsinnig.
Den Bonette umfahren? Marcel lachte: «Ja wenn du 200 km Umweg fahren willst, bitte!»
Komisch war auch, dass die Wirtin die Tür zum Restaurant schloss, als zwei weitere Radfahrer Unterschlupf suchen wollten. Sie liess sie draussen frieren.
Mit der Zeit schien das Wetter ein wenig aufzuhellen. Doch es war sehr kalt. Oben auf dem Pass würde es vermutlich schneien. Vielleicht musste man von der Passhöhe an die ersten Kilometer der Abfahrt zu Fuss zurücklegen. Zudem gibts am Bonette kein Hospiz oder ähnliches, die Passhöhe bietet keinerlei Infrastruktur.
Im Radio lief der Song «Je marche seul» von Jean-Jacques Goldman, als wir zahlten und das Restaurant für die Weiterfahrt auf den Bonette verliessen. «Ce n'est pas possible!», meinte die Wirtin zu unserem Vorhaben. Das werden wir nun sehen. Oder, wir mussten.
Draussen war es kalt geworden und es regnete immer noch leicht. Doch wir hatten schon im Restaurant alles angezogen, was wir nur dabei hatten. Nun schien ein Gang durch die Hölle bevorzustehen. Wir waren erst auf 1200 Metern über Meer und es waren nur ca. 10 Grad, der Pass ist knapp 2800. Dies liess das Schlimmste befürchten. Also: Kopf einziehen und durch, bei Saint-Etienne-de-Tinée sind alle Pässe geschafft. Ab dort kann es nur noch aufwärts gehen.
Wir fuhren los. Der Regen hatte inzwischen aufgehört und der Himmel hellte sich auf. Kaum zu glauben: nach den wenigen ersten Kehren des Anstiegs, schätzungsweise nach 2 Kilometern, hielt ich schon wieder an. Die Sonne war durchgekommen und heizte die noch feuchte Strasse auf, es wurde schlagartig warm. So warm, dass wir uns unserer dicken Kleidung entledigen und kurz fahren konnten. Ein Geschenk des Himmels! Wer jemals einen verregneten Pass gefahren ist versteht vermutlich, dass ich mein Glück kaum fassen konnte. Das Wetter blieb gut, der Himmel sah jedoch nie wirklich beruhigend aus. Zwischendurch tröpfelte es sogar mal wieder, doch es hielt. So fuhr ich weiter und genoss die wunderbaren Bedingungen. Beim Gasthof «Halte 2000», der ziemlich in der Mitte des Anstiegs und zugleich auf ca. 2000 Metern über Meer liegt (und deshalb so heisst), kann ich den Halt wirklich sehr empfehlen. Geht unbedingt auch mal in die Hütte rein, das Ambiente dort erschien mir fast wie in einem Fantasy-Film: sehr dunkel, ein Kaminfeuer, es gibt zahlreiche Kuchen und Getränke zur Auswahl. Die jungen Betreiber scheinen international zusammengewürfelt und es macht Spass, mit ihnen ein paar Minuten über Gott und die Welt zu diskutieren. Ein wirklich cooles Lokal.
Gestärkt durch Coca fuhr ich weiter. Die Tafeln, die jeden Kilometer über die Strecken informierten, begannen weiter oben plötzlich zu fehlen. Man hat am Bonette jedoch nie das Gefühl, oben zu sein, bevor man es wirklich geschafft hat. Unterwegs überholte mich noch Julian, das erste Mal an einem Passanstieg! Nun war nur noch Marcel hinter mir, und er hatte zum Glück die Pumpe für Ernstfälle dabei. Bei ihm wusste man ja nicht mehr...
Bei den Restefond-Kasernen begann es teilweise zu stürmen. Der Himmel sah turbulent aus. Ich entschied mich durchzufahren am Pass und kein Risiko einzugehen. Dies bedeutete, dass ich die Zusatzschleife weglassen wollte – ich war ja vor 3 Jahren schon dort oben. Lieber gleich runter nach Saint-Etienne, statt sich später womöglich verseicht in die Abfahrt zu stürzen!
Auf der normalen Passhöhe des Bonette gab es erneut ein sehr interessantes Treffen mit einem italienischen Ehepaar, das mit einem Van mit Velos unterwegs war. Dort drauf stand etwas von Riccione. Ich fragte sie sofort, ob sie womöglich das Bike Hotel Belvedere kennen, wo ich jährlich ins Trainingslager gehen (an dieser Stelle eine weitere Empfehlung). Zu meiner Überraschung kannten sie sogar die Hotel-Betreiberin Marina Pasquini! Wir diskutierten noch ein wenig, obwohl es kalt wurde. Schliesslich machte ich mich auf den Weg und fuhr trocken los! Gott sei Dank.
Nach einer fast endlos langen Abfahrt mit vielen Kehren und teilweise holprigem Belag trafen wir uns in Saint-Etienne-de-Tinée.
Den Rest der Strecke fuhren wir in Formation mit teilweise 50-60 km/h und gelangten relativ zügig Richtung Mittelmeer!
Montag, 3. August 2009: Das böse Erwachen
Am Bahnhof hiess es betreffend Heimreise mit dem Zug und mit Fahrrad zuerst, dass dies vollkommen unmöglich sei. Nach längerem Nachhaken wurde uns die Möglichkeit eröffnet, am Mittwoch zu fahren.
Dann wollten wir Fahrrad-Taschen und sie empfahlen ein Sportgeschäft. Dieses verkaufte jedoch keine solchen Taschen. Aber sie empfahlen uns ein weiteres Geschäft, das jedoch geschlossen war. So läuft das mit der Infrastruktur in Nizza.
Tipp: Führerschein mitnehmen und dann bei AVIS ein Auto mieten. Wenn schon der Flug zurück (wie wir es 2006 machten) kompliziert war, ist die Rückreise per Bahn sogar super kompliziert! Hier kennt die Bürokratie fast keine Grenzen.
Bei einem Händler, der eigentlich geschlossen hatte, erhielten wir Schachteln und Werkzeug, um unsere schönen Velos in Einzelteile zu zerlegen: Lenker, Sattel, Pedale abschrauben, Räder entfernen und dann rein in die Schachtel (ich erwischte leider eine Damenvelo-Schachtel, die etwas zu klein war). Dann das ganze Paket 5 km durch Nizza schleppen zum Bahnhof, Billett entwerten und rein in den TGV. Hauptsache er fährt mal, dann können sie eh nichts mehr machen.
Schlusswort
Es war wieder ein tolles Erlebnis, auch wenn es ziemlich kräfteraubend ist. Das Wetter war dieses mal deutlich besser als 2006, und dies, obwohl der Sommer 2009 eher wechselhaft war, ganz im Gegensatz zum heissen Juli 2006. Würden jetzt noch gewisse infrastrukturelle Mängel, gerade was den Transport von Fahrrädern in öffentlichen Verkehrsmitteln betrifft, behoben, wäre Frankreich das perfekte Velo-Reiseland.
Die Leute in Frankreich waren, anders als man immer wieder hört, praktisch ohne Ausnahme sehr nett und hilfsbereit. Es war eine Freude, so durch das Land zu reisen.
Gesamthaft haben wir etwa 872 Kilometer in rund 40 Stunden Fahrzeit zurückgelegt.